Liebe Gemeinde!

Ich sitze zu Hause am Schreibtisch und denke nach. Was ist das bloß für eine Zeit, frage ich mich. Bilder aus den Nachrichten von gestern Abend ziehen an mir vorüber. Statistiken mit Infizierten und Verstorbenen. Die Sorge im Gesicht der Hausärztin, die von den immer knapper werdenden Schutzmaterialien berichtet. Der Familienvater, dessen kleiner Betrieb die Krise vermutlich nicht überstehen wird. Unfassbar. Wie lange wird das noch so gehen? 

In der Kirche ist im Moment auch vieles anders als sonst. Kein Konfirmandenunterricht, keine Besuche, kein Frauenkreis und keine Gottesdienste – noch nicht einmal in der Karwoche oder an Ostern, was ich besonders bitter finde. Doch was wäre denn der Predigttext für den 5. April, also Palmsonntag, gewesen? Ich hole meine Bibel aus dem Schrank und fange an zu lesen – Markus 14,3-9.

In Gedanken verlasse ich meinen Schreibtisch und begebe mich nach Bethanien, einen kleinen Ort wenige Kilometer von Jerusalem entfernt. Es ist bereits Mittwoch, also ein Tag vor Gründonnerstag und zwei Tage vor Karfreitag. Jesus ist mit seinen Jüngern bei Simon dem Aussätzigen zu Gast. Ich setze mich zu ihnen an den festlich gedeckten Tisch. Die Männer essen und trinken. Simon ist wirklich ein guter Gastgeber. Kaum ist ein Becher leer, schenkt er von dem guten Wein nach. Man unterhält sich. Spricht über dies und das. 

Plötzlich geht die Tür auf. Wer ist das? Eine Frau kommt herein. Zielsicher geht sie auf Jesus zu. In ihrer Hand hält sie ein Fläschchen. Was hat sie damit vor? Sie zerbricht das Fläschchen und gießt den Inhalt über Jesu Kopf. Ein wunderbarer Geruch strömt durch den Raum. So etwas habe ich noch nie zuvor gerochen. Ein bisschen süß, ein bisschen wie Holz, irgendwie warm und sinnlich. 

Die Jünger befinden sich in einer Art Schockstarre. Bis einer seine Worte wiederfindet. „Was soll das?“, ruft er empört. „Man hätte das Öl lieber verkaufen sollen. Sicherlich ist es mehr als 300 Silbergroschen wert. So viel, wie ein Tagelöhner im ganzen Jahr verdient. Wie viele Arme hätte man damit satt machen können?!“

Ernsthaft - ein ganzer Jahreslohn? Schießt es mir durch den Kopf. Der Jünger hat recht. Mit dem Geld hätte man eine Menge bewegen können. Man hätte z.B. die Forschung unterstützen können, damit schneller ein Impfstoff gegen Corona erfunden wird. Man hätte das Geld in Mundschutze und Beatmungsgeräte investieren können, die jetzt so teuer geworden sind. Man hätte dem Familienvater mit dem kleinen Betrieb ein paar Sorgen abnehmen können. Oder man hätte mit dem Geld Essen und Seife für die Menschen in den Geflüchtetenlagern kaufen können. - Jesus, sag du doch auch mal was dazu!

Doch Jesus antwortet anders als die Jünger und auch ich es erwarten würden. „Lasst die Frau in Ruhe!“, sagt er. „Sie hat etwas Schönes an mir getan. Sie hat mich für mein Begräbnis gesalbt. Es ist richtig, ihr sollt euch um die in Not kümmern. Doch Arme wird es immer um euch herum geben. Mich habt ihr nicht mehr lange.“

Die Jünger schlucken – und ich auch. Es stimmt, was er sagt. Ich kenne die Passionsgeschichte und weiß, wie es weitergehen wird: Morgen Abend wird Jesus das letzte Mal zusammen mit seinen Jüngern essen. Anschließend wird er mit ihnen in den Garten Gethsemane gehen und Gott regelrecht anflehen, dass der bittere Kelch an ihm vorübergehen möge. Noch in derselben Nacht wird man ihn verhaften und am Freitag am Kreuz hinrichten. Es bleibt ihm wirklich nicht mehr viel Zeit. Und die Frau scheint das ebenfalls zu wissen.

„Sie hat mich für mein Begräbnis gesalbt“, hat Jesus eben gesagt. Seine Worte klingen in mir nach. - Aber mir fällt noch etwas anderes dazu ein. Ich erinnere mich, dass auch die Könige im Alten Testament gesalbt wurden. Der berühmte König David z.B. wurde vom Propheten Samuel zum König gesalbt. Weil Gott es so wollte.

Ob die Frau das auch weiß? Ob sie mit ihrem kostbaren Öl vielleicht sogar genau das zum Ausdruck bringen wollte: „Jesus, du bist unser König. Egal, was in den nächsten Tagen passieren wird – ich weiß, dass du am Ende stärker sein wirst als alle Feinde. Ja, sogar stärker als der Tod.“ Leider kann ich die Frau das nicht fragen. Schließlich bin ich nur ein unsichtbarer Besucher in dieser Geschichte. Doch die kommenden Tage werden genau das zeigen. Auf Karfreitag folgt Ostern. Jesu Sieg über den Tod.

Als sich die Männer auf den Weg machen, verabschiede ich mich auch. Ich schlage die Bibel zu und kehre an meinen Schreibtisch zurück. Was habe ich da eigentlich gerade erlebt? Und was könnte das mit unserer jetzigen Situation zu tun haben? 

Vielleicht so: Es ist wunderbar, dass in dieser schwierigen Zeit so viele Menschen füreinander da sind. Unzählige Beispiele für gelebte Nächstenliebe und Solidarität könnte ich an dieser Stelle nennen. Das ist gut und richtig. Genau so muss es bleiben. Doch in allem Tun und Machen sollen wir auch daran denken: Wir sind mit der Not nicht allein. Wir haben einen Gott, der größer ist als alles, was uns Menschen bedroht. Einen wahren König, der sogar stärker ist als der Tod. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Aber manchmal können wir es schon hier und jetzt spüren. Nämlich dann, wenn das Vertrauen einen Moment lang über die Angst siegt oder die Zuversicht über die Verzweiflung. Dann ist es, als würde für einen Augenblick der ganze Raum von einem himmlischen Duft erfüllt.

Danke, du namenlose Frau, dass du mich mit deinem Salböl heute daran erinnert hast.
 

Bleiben Sie und bleibt Ihr behütet auf dem Weg nach Ostern
Herzliche Grüße
Ihre/Eure Pfarrerin Emilie Weinreich

Verlinkter Predigttext zum Nachlesen: Markus 14,3-9 Die Salbung in Betanien

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