Liebe Gemeinde!

Begegnungen sind zurzeit nicht möglich. Und doch ereignen sie sich hier und da. Zum Beispiel zwischen Frau S. und Pfarrer K. am Gartenzaun – natürlich mit dem gebotenen Sicherheitsabstand.

Pfr. K.:             Hallo, Frau S. Schön, Sie zu sehen. Wie geht es Ihnen?

Fr. S.:              Danke. Gesundheitlich ist alles in Ordnung. Aber ich habe zu viel Zeit zum Nachdenken.

Pfr. K.:             Worüber denken Sie denn nach?

Fr. S.:              Also ehrlich gesagt, frage ich mich im Moment, ob die Corona-Krise eine Strafe von Gott ist. Das ist doch alles furchtbar. Haben Sie gestern die Bilder aus Italien in den Nachrichten gesehen?

Pfr. K.:             Ja, das habe ich. Und sie haben mich sehr erschüttert. Aber eine Strafe von Gott? Wofür, meinen Sie, könnte Gott uns denn bestrafen wollen?

Fr. S.:              Ach, da würde mir eine ganze Menge einfallen. Zum Beispiel die Umweltzerstörung. Oder wie wir mit den Geflüchteten umgegangen sind.       In der Bibel wird so etwas doch auch berichtet.

Pfr. K.:             Meinen Sie die Geschichte von der Sintflut?

Fr. S.:              Richtig. An die habe ich gedacht. Da heißt es doch: Gott ließ es vierzig Tage lang vom Himmel regnen, bis alles Land überspült war. Nur Noah und seine Familie haben auf der Arche überlebt. Und von jeder Tierart ein Paar.

Pfr. K.:             Das stimmt. Diese Geschichte wird uns in der Bibel erzählt. Aber wissen Sie auch, wie sie endet? Am Ende sagt Gott: „So etwas will ich nie wieder tun. So lange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,22)

Fr. S.:              Sie meinen also, dass Corona keine Strafe von Gott ist?

Pfr. K.:             Ich meine eher, dass die Corona-Pandemie eine Folge unserer Lebensweise ist. - Aber in dem Punkt stimme ich Ihnen vollkommen zu: Wir sollten uns durch die Krise zum Nachdenken anregen lassen. Was können wir künftig anders und besser machen? Wie wollen wir zum Beispiel mit unserer Schöpfung umgehen? Wie kann für mehr Gerechtigkeit auf der Welt gesorgt werden? Welchen Stellenwert darf die Wirtschaft einnehmen? Und wie wollen wir in Zukunft unser Gesundheitssystem aufstellen?

Fr. S.:              So habe ich es noch gar nicht gesehen. - Aber trotzdem frage ich mich: Wenn Corona keine Strafe von Gott ist, wo bleibt er dann? Warum hilft er uns nicht?

Pfr. K.:             Dazu fällt mir im Moment als erstes die Passionsgeschichte ein. In ihr wird uns erzählt, dass Gott in Jesus selbst großes Leid erlebt hat. Denken Sie nur an Karfreitag. Und darum glaube ich: Wenn Menschen Angst haben, verzweifelt sind oder krank werden, dann ist Gott ihnen besonders nah.

Fr. S.:              Weil er das Leid aus eigener Erfahrung kennt…

Pfr. K.:             Genau. – Es gibt auch noch eine andere Geschichte, die mich in dieser Zeit sehr tröstet. Sie steht in Lukas 19,41-44. Wenn Sie möchten, können Sie sie nachher mal lesen. Jesus ist hier auf dem Weg nach Jerusalem. Als er sich der Stadt nähert, bleibt er plötzlich stehen und fängt an zu weinen. Nicht aus Angst vor dem, was ihn selbst dort erwartet. Sondern weil Jesus bereits weiß, dass Jerusalem im Jahr 70 nach seiner Geburt zerstört werden wird. Es wird einen Krieg geben, bei dem viele Menschen ihr Leben verlieren werden. Und das treibt ihm die Tränen in die Augen.

Fr. S.:              Jesus weint. - Heißt das, wenn wir Leid erfahren, dann weint Gott sogar mit uns?

Pfr. K.:             Ja, so stelle ich es mir vor. Wissen Sie, als ich gestern die Bilder von den vielen Särgen in Italien gesehen habe, da sind mir die Tränen in die Augen gestiegen. Aber dann habe ich gedacht: Wie viel mehr muss Gott um diese Menschen weinen. Schließlich kennt er sie alle mit Namen. Sie sind seine geliebten Kinder. 
Und noch kurz zu Ihrer Frage, wo Gott in diesen Tagen bleibt: Ich habe das Gefühl, im Moment ganz viele Spuren von ihm entdecken zu können. Gott ist zum Beispiel da, wo sich eine Schwester oder ein Pfleger im Krankenhaus liebevoll einem Sterbenden zuwenden. Gott ist da, wo in Italien Eltern die Kraft dazu finden, zusammen mit ihren Kindern bunte Regenbogen-Plakate mit der Aufschrift „Alles wird gut“ an die Balkone zu hängen. Haben Sie die in der Zeitung gesehen? Und ich glaube, Gott ist auch da, wenn Menschen hier bei uns jeden Abend um 19 Uhr aus ihren Fenstern heraus „Der Mond ist aufgegangen“ singen. Ein Lied, das mit einem kleinen Gebet endet: „Lass uns ruhig schlafen. Und unsern kranken Nachbarn auch!“ (EG 482)

Fr. S.:              Davon habe ich gehört. Vielleicht werde ich heute Abend auch mal mitsingen.

Pfr. K.:             Machen Sie das. Und bleiben Sie behütet.

Fr. S.:              Sie auch. Bis hoffentlich bald. Und danke für das gute Gespräch. Ich werde sicherlich noch eine ganze Weile darüber nachdenken.

            

Bleiben Sie und bleibt Ihr auch behütet!

Herzliche Grüße

Ihre/Eure Pfarrerin Emilie Weinreich

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